Warum wird so einer Kommunist - SPD und DKP im Ruhrgebiet
Rote Differenzen
Von Ulrich Hörn aus der WAZ vom 12.03.2008. (ein Link war leider nicht verfügbar)
Essen. Die Wahlerfolge der neuen Partei „Die Linke" haben Bewegung in das deutsche Parteiensystem gebracht. Vor allem in den Führungsetagen der SPD wird seit Wochen heftig darüber gestritten, wie die Sozialdemokratie mit der Linken umgehen soll, in der auch Kommunisten der unterschiedlichsten Schattierungen mitarbeiten.
Diese Auseinandersetzung hat eine lange Tradition. Sozialdemokraten und Kommunisten haben sich im Laufe der Geschichte beider Gruppierungen häufig voneinander abgegrenzt und oft auch sehr heftig bekämpft.
Die WAZ befragte Mitglieder von SPD und DKP im Ruhrgebiet, warum sie Sozialdemokraten und Kommunisten geworden sind. Und wollte wissen, welche Ziele, Erwartungen und Hoffnungen sie mit ihrer Mitgliedschaft und Mitarbeit in SPD und DKP verbinden.
Aus den Antworten der Mitglieder treten die Unterschiede zwischen den beiden Parteien deutlich hervor. Die Differenzen sind unübersehbar groß.
Die Sozialdemokraten wollen im Rahmen der bestehen den Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung an Verbesserungen mitarbeiten. Ihnen geht es vor allem um Interessenausgleich, Chancengleichheit und bessere Lebensbedingungen, die sie über Reformen erreichen wollen. Mit dem Gedanken, Kommunist zu werden, hat keiner der befragten Sozialdemokraten gespielt.
Dagegen haben unter den befragten Kommunisten einige zunächst mit der SPD sympathisiert Sie traten dann doch der DKP bei, weil ihnen die SPD bei der Veränderung der Gesellschaft nicht weit genug geht.
Die befragten Kommunisten stellen die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung grundsätzlich infrage und zielen darauf ab, sie zu ändern. Sie machen Banken und Konzerne für ungerechte Lebensverhältnisse und ungleiche Vermögensverteilung verantwortlich und fordern, die Macht des Kapitals zu brechen. Erst wenn das gelungen ist, sehen sie die Chance, gerechtere Lebensverhältnisse herzustellen.
„Die Banken enteignen"
Rolf Jüngermann, ist seit Anfang der 70er Jahre in der DKP. Der 66 jährige Studiendirektor im Ruhestand lebt in Gelsenkirchen. Dass er Kommunist werden würde, war in seiner Jugend nicht absehbar „Ich stamme aus einer streng katholischen Familie aus Plettenberg. Ich war Messdiener und habe als Schüler sogar Wahlkampf für die CDU gemacht."
In Münster begann er Theologie zu studieren „Doch dann wurde ich durch die 68er politisiert", sagt er. Er studierte das Kapital von Marx. „Und als die USA über Weihnachten 1972 Hanoi bombardierten, bin ich in die DKP eingetreten."
Da hatte sich bei ihm längst die Überzeugung gefestigt: „Der Kapitalismus muss überwunden werden." Heute sei für ihn klar, dass von dieser Frage „das Überleben der Zivilisation, wenn nicht sogar der Menschheit abhängt" „Die Voraussetzungen für den Sozialismus zu schaffen, wird nur gelingen, wenn diejenigen, die Banken, Medien und die wichtigsten Produktionsmittel in der Hand haben, enteignet werden", sagt er. „Dazu ist es notwendig, dass die Arbeiterklasse die Dinge selbst in die Hand nimmt." Als Arbeiterklasse bezeichnet er „alle, die nicht Inhaber von Produktionsmitteln sind".
Seine Überzeugungen sieht er am besten von der DKP vertreten. Sein gewerkschaftliches Engagement gilt Bildungsfragen, früher als Leiter des Referats Bildungspolitik im Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), heute in der Linken. „In die SPD einzutreten, war ich nie versucht."
„Gegen die Rotstift Politik"
Daniel Zimmermann ist seit Sommer 2007 Mitglied der DKP. Der 24 jährige Dortmunder studiert in seiner Heimatstadt Raumplanung.
Einen konkreten Auslöser für den Beitritt habe es nicht gegeben, sagt er „Es war während des UZ-Pressefestes", erinnert er sich. Eine spontane Entscheidung sei das nicht gewesen. „Ich habe mir das vorher schon reiflich überlegt." Dabei sei ihm klar geworden: „Wer was bewegen will, muss sich organisieren."
Sein Vater sei ebenfalls Kommunist. „Dass er in der DKP ist, hat er mir erst relativ spät erzählt. Beeinflusst hat das meine Entscheidung nicht. Mein Vater hätte mir das ruhig etwas früher sagen können." Sich für die DKP zu entscheiden, sei ihm nicht schwergefallen „Die Partei vertritt die Interessen der Arbeiter, der Arbeitslosen und der lernenden Jugend am konsequentesten", sagt er. Zudem habe die Partei „die richtigen Analysen, warum es Sozialabbau und Kriege gibt". „Das fehlt mir bei den anderen Parteien."
Die Linke sei für ihn nicht infrage gekommen, unter anderem auch deshalb, weil sie in der rot-roten Berliner Koalition „eine Rotstift-Politik gegen die Arbeitnehmer" mittrage. Das habe ihn abgestoßen.
In der DKP wolle er sich vorerst vor allem auf Jugendpolitik und die Friedensbewegung konzentrieren „Wir brauchen Veränderungen bei der Ausbildung, der Bildung und am Arbeitsmarkt. Die Ausbildung darf nicht länger von Geldbeutel der Eltern abhängen". Außerdem wolle er daran mitwirken, „dass die Auslandseinsätze der Bundeswehr beendet werden".
„Die Konzerne beschränken"
Michael Gerber ist seit 1971 in der DKP. Der 57jährige Elektroniker stammt aus Hamburg. Seit 1985 lebt er in Bottrop und ist dort Chef der DKP-Fraktion im Rat.
Zur Politik kam er über die gewerkschaftliche Betriebsarbeit, zunächst als Jugendvertreter der IG Metall, später als Betriebsrat. „Ich habe mich damals umgeschaut, wo es Antworten gibt auf die Frage: Wie können Ausbeutung, Hunger, Unterdrückung und Krieg überwunden werden"
Zu Willi Brandts Zeiten sei die SPD für ihn durchaus attraktiv gewesen „Ich habe mich dann mit der SPD genauer beschäftigt. Die Antworten der Partei haben mich jedoch nicht zufrieden gestellt."
Anders erging es ihm mit der DKP. „Durch meine praktische Betriebsarbeit war mir klar: Der Kapitalismus gibt keine Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Arbeit und zum Zusammenleben der Menschen. Wir brauchen eine solidarische Gesellschaft, in der die Interessen der kleinen Leute berücksichtigt werden."
Dieses Anliegen sah er am nachhaltigsten von der DKP vertreten. Deshalb sei er Kommunist geworden.
Anders als manche Parteifreunde arbeitet er in der Linken nicht mit „Wir sind das Original", betont er.
Die Interessen der kleinen Leute seien nur zu verwirklichen, „wenn die Politik die Macht der Großkonzerne einschränkt", sagt er. Ohne die Änderung der Eigentumsverhältnisse werde es keine Änderung der gesellschaftlichen Zustände geben. „Der Spielraum, den das Grundgesetz der Vergesellschaftung einräumt, ist viel größer, als viele meinen."
„Profitstreben überwinden"
Karin Schnittker ist in der DKP seit Gründung der Partei 1968. Kommunistin sei sie viel länger, sagt die 66-jährige Bibliotheksangestellte aus Essen. Die Überzeugung habe sie mit der Muttermilch eingesogen. „Ich stamme aus einem antifaschistischen und kommunistischen Elternhaus."
Ihr Vater kam aus Ostpreußen ins Revier. Er arbeitete im Bergbau. 1933 wurde er wegen seiner kommunistischen Überzeugung auf dem Pütt verhaftet, kam ins Lager, ins KZ und ins Strafbataillon.
„Nach dem Krieg haben meine Eltern auf ein demokratisches neues Deutschland gehofft. Stattdessen kam als kalte Dusche unter Adenauer der Kalte Krieg. Wieder gab es Hausdurchsuchungen. Wieder wurde mein Vater wegen seiner marxistischen Anschauung verhaftet. Als Gymnasiastin bin ich Spießruten gelaufen. Das alles hat mein Bewusstsein geprägt"
Anfangs habe sie in der DKP nicht so stark mitmachen können. „Als Mutter von zwei kleinen Kindern ging das nicht so intensiv." Später habe sich das geändert. „Der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit ist mir schon im Elternhaus sehr stark vermittelt worden", sagte sie. In der DKP habe sie Gleichgesinnte gefunden.
Heute engagiere sie sich für Alltagsprobleme, mehr Bildung, Wohnungsfragen, gesundes Leben.
„Wenn etwas falsch läuft, muss man es ändern", sagt sie. Doch Änderungen zu bewirken sei schwer. „Ich bin Kommunistin, weil ich weiter gehen will." Nötig seien gesellschaftliche Veränderungen. „Wir müssen die Konzerne überwinden. Ihr Profitstreben schließt eine gerechte Welt aus."
„Das System ändern"
Detlev Beyer-Peters ist seit Oktober 1974 Mitglied der DKP. Der 51-jährige Vater von drei Kindern ist Fachkrankenpfleger für psychiatrische Pflege in Recklinghausen.
Ursprünglich wollte er in die SPD eintreten. „Die Sozialpolitik Willi Brandts fand ich positiv. Abgestoßen hat mich dann aber, wie Brandt in der eigenen Partei Stück für Stück entmachtet und schließlich durch Helmut Schmidt ersetzt wurde."
Nach dieser Enttäuschung habe er dann in der Solidaritätsbewegung gegen den Sturz des chilenischen Präsidenten Allende mitgearbeitet. Außerdem habe er sich auch in der Kommunalpolitik der DKP in Recklinghausen-Ost engagiert. „Ein Jahr lang habe ich da mitgemacht und mir das genau angeguckt. Erst dann bin ich in die DKP eingetreten."
Zum Kommunisten sei er nicht durch Programme und ideologische Überzeugungen geworden, sondern durch die praktische politische Arbeit vor Ort. „Die soziale Ausrichtung der DKP hat mich sehr stark angesprochen. Ich bin ein kämpferischer Typ. Ungerechtigkeit kann ich nicht ertragen. Ich muss dagegen ankämpfen. Diese Leidenschaft habe ich auch in der DKP angetroffen."
Auch seine Erfahrungen im Berufsleben hätten ihn darin bestärkt, „dass die Veränderung des Wirtschaftssystems nötig ist, um soziale Gerechtigkeit erreichen zu können". „Diejenigen, die viel Geld haben, können sich Macht kaufen und ihre Interessen durchsetzen. Deshalb müssen wir die Macht des Geldes massiv beschränken, wenn wir gerechte Verhältnisse herstellen wollen."